Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Ich war 20 und studierte im 3. Semester Germanistik und Philosophie an der Universität Bonn. Meine Bewerbung um einen Platz in einem Studentenwohnheim war am 9. November schon entschieden. Im Dezember würde ich nach Bonn umziehen. Bis dahin wohnte ich noch bei meinen Eltern auf dem Land. Thomas Bernhard und Immanuel Kant standen mir näher als Politik.
An jenem 9. November tagte die Schülerzeitung, die ich mitbegründet hatte und bei der ich ab und zu noch mitarbeitete. Ich weiß nicht mehr, über was wir diskutierten. Gegen 22 Uhr fuhr ich mit meinem alten R 4 nach Hause. Es war kalt und glatt. Eher nebenbei hatte ich das Autoradio angestellt. Und eher nebenbei erfasste ich, was der Radiosprecher da sagte: In Berlin seien die Grenzen geöffnet worden.
Ich weiß, dass ich Tränen in den Augen hatte. Unsere kleine Gemeinde in der Nähe von Köln war nicht der Nabel der Welt. Und doch war auch für mich an diesem Abend zu spüren, dass die Generation 1989 einmal Teil der Geschichte sein würde. Die Bilder, die das Fernsehen zeigte, wiederholen sie seitdem jedes Jahr am 9. November und am 3. Oktober, dem späteren Tag der Deutschen Einheit. Von dem wussten wir an jenem 9. November 1989 nichts. Obwohl man es hätte ahnen können. Eine Revolution endet nicht vor ihrer Zeit.
Das Jahr 1989 war ein bewegendes Jahr. Es fing im Sommer mit der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking an. Gorbatschow besuchte Bonn, und kurz bevor er seine Rede auf dem Marktplatz gegenüber der Universität begann, stand eine Studentin im Sprachwissenschaftsseminar auf und sagte dem Professor, Gorbatschow sei wichtiger als seine Ausführungen. Der Professor war erst verblüfft, dann nickte er und gab uns frei. Wir liefen durch die Massen – es waren viel zu viele Leute dort als dass ich etwas hätte sehen oder verstehen können. Aber ich war dabei!
Für mich war die DDR bis dahin ein eigener Staat. Ich hatte keine Verwandten oder Bekannte „drüben“, keine Beziehung zu diesem fremden System, keine Kenntnis über Land und Leute. Und Politik interessierte mich nicht. Als ich nach dem Abitur 1988 das erste Mal in Berlin war, waren wir nicht im Ostteil der Stadt. Die Grenzanlagen hatten mich längst eingeschüchtert. Wir sind vom Reichstag am Brandenburger Tor entlang Richtung Potsdamer Platz bis zum Checkpoint Charlie an der Mauer vorbei gelaufen. Es war gruselig. Ja, DDR fand ich gruselig. Ich fühlte mich, als würde ich durch ein Geschichtsbuch laufen. Und wenn jemand von deutscher Einheit sprach, witterte ich nationalistische Untertöne und war schon deswegen dagegen.
Dann machte die ungarische Regierung plötzlich die Grenzen auf. Tausende flüchteten in den Westen. Abend für Abend sendeten ARD und ZDF eine Sondersendung nach der anderen. Wir schauten am Fernseher zu. Zunehmend fassungslose Zeugen der Geschichte. Ich diskutierte mit meinem Vater darüber, was da passierte, hoffte, dass diese Revolution Erfolg haben werde, und hatte gleichzeitig Angst, dass es wie in Peking endete. Was genau als ‘Erfolg’ zu verstehen sei, das wusste ich gar nicht zu sagen. Wie sollte es denn ausgehen? Ich war doch nur Zuschauerin. Dass so viele Menschen für ihre Freiheit auf die Straße gingen, das faszinierte mich. Von ihren einzelnen politischen Forderungen verstand ich dagegen wenig. Genscher sprach seine berühmten Worte auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag: „Ich bin gekommen, Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“, weiter kam er nicht. Die Menschen in der Botschaft brüllten ihre Freude in die Nacht und ich Unbeteiligte heulte.
Die DDR tauschte Honecker gegen Krenz, was meinen Vater zu dem trockenen Kommentar veranlasste: an den würde man sich im Lauf der Geschichte nicht weiter erinnern müssen. Und dann fiel die Mauer.
Das erste Mal in die DDR gereist bin ich erst im August 1990. Mit einer Freundin habe ich mir einen Traum erfüllt und bin nach Weimar gefahren. Goethe, Schiller – nie hätte ich gedacht, diese berühmte, kleine Stadt tatsächlich einmal besuchen zu können. Vielleicht habe ich erst da wirklich begriffen, was passiert ist. Am 3. Oktober 1990 kam die Deutsche Einheit. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Revolution war längst vorbei, und Verwaltungsbeamte hatten die Geschichte erobert. Die Bewegung war zuende.
Heute lebe ich in Berlin. Vor genau 10 Jahren aus beruflichen Gründen aus Bonn gekommen, wohne ich im Ostteil der Stadt – in seinem vielleicht westlichsten Bezirk, nur wenige Meter vom früheren Mauerstreifen und fußläufig von der Bornholmer Brücke entfernt. Und werde oft gefragt: Was hast Du eigentlich am 9. November 1989 gemacht?
ghost.writer, 39 Jahre, Berlin
1989: 20 Jahre, Nähe Köln, BRD